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EINZELAUSSTELLUNG & ARTIST WORKSHOP

22.11. – 20.12.2026
»Hoda Tawakol: Falling Tide«

Hoda Tawakol, »Along the River«, 2026, HD Video, Courtesy: die Künstlerin & Gallery Isabelle, Dubai, VAE (Film Still)

Wenn die Ebbe einsetzt, zieht sich das Wasser zurück, manchmal mit großer Kraft und verschiebt oder reißt mit sich, was nicht fest verankert ist. Der zurückbleibende Boden ist nass und voller Spuren: Muscheln, Steine, Algen, Löcher und Treibgut. Anwesenheit und Abwesenheit werden auf demselben Grund sichtbar.

In ihrer Einzelausstellung »Falling Tide« bringt die in Hamburg lebende, ägyptisch-französischen Künstlerin Hoda Tawakol Körper, Objekte, Landschaften und Erinnerungen als Spuren dessen, was mitgenommen, verwandelt oder zurückgelassen wurde zusammen. Eine 2,5 Meter hohe hybride Göttinnenfigur mit muschelartigem Antlitz, geflochtenem Haar, einem Flügel über der Schulter und mit Amuletten behangen thront inmitten stofflich-malerischer Vegetationen. Ein Palmenhain und eine Sykomore lassen einen sinnbildlichen Ort der Nahrung, des Schutzes und des Lebens entstehen. Flankiert von einer textilen Wandskulptur, »Womb«, und muschelförmiger Keramikmasken verwandeln sie die Räume bei M.Bassy in eine imaginierte Landschaft, wo unterschiedliche Orte und Zeiten, Unbekanntes und Vertrautes, nebeneinander auf demselben Boden koexistieren und neue Formen annehmen.

Als Tawakol 2022 die Wohnung ihrer verstorbenen Großmutter in Kairo öffnete, nachdem sie fünf Jahre lang unbewohnt gewesen war, erinnerte sie der Ort an genau den Boden, den die Ebbe zurücklässt: leer von seinem früheren Leben und doch voller Spuren. Angesichts der über zwei Generationen angesammelten Gegenstände und der Unmöglichkeit, alles zu behalten, nahmen Tawakol und ihr Bruder nur das mit nach Europa, was sie tragen konnten. Ein Jahrhundert Familiengeschichte passte in zwei Koffer. Die Räume von M.Bassy erinnern in mancher Hinsicht an die Kairoer Wohnung. Ihre abgenutzten Wände und die sichtbaren Schichten von Farbe und Putz vermitteln den Eindruck, als hätte hier jemand gelebt und den Ort wieder verlassen.

„Die Erfahrung der Diaspora hat etwas von den Gezeiten“, schreibt Tawakol – eine wiederkehrende Bewegung zwischen Orten, Sprachen und Bindungen, bei der neues hinzukommt, anderes zurückbleibt oder mitgenommen wird.

Die Ausstellung präsentiert auch zwei jüngste Videoarbeiten der Künstlerin: Inspiriert von den Erinnerungen an ihre „drei Mütter“ – ihre Mutter Honey, ihre Großmutter Toutou und Hosneia, die sich seit ihrer frühen Kindheit um sie kümmerte – bewegt sich Tawakol in ihrem filmischen Werk »My Mothers« zwischen Erinnern und Loslassen und ergründet Mutterschaft und das Weibliche in ihrer überwältigenden Präsenz und der darunter liegenden Leere. Für ihre neuste Videoarbeit »Along the River« stellt Tawakol Super-8-Filmmaterial einer Familienreise durch Ägypten aus dem Jahr 1974 parallel zu Bildern, die während der Auflösung der großmütterlichen Wohnung entstanden: Möbel, Briefe, alte Schwarz-Weiß-Fotografien und persönliche Gegenstände – manches eingepackt und bewahrt, vieles zurückgelassen. Die historischen Filmaufnahmen enden am Isis-Tempel auf Philae, der damals noch teilweise unter Wasser stand und kurz darauf abgebaut und versetzt werden musste, um ihn vor den Fluten zu schützen. Fast fünfzig Jahre liegen zwischen den beiden Archiven, die unterschiedliche Erfahrungen von Distanz, Zugehörigkeit und Verlust zusammenbringen.

»Falling Tide« verwebt persönliche Fragmente der Familiengeschichte mit kollektiven kulturellen Mythen zu einer raumgreifenden Meditation über das, was bleibt, wenn sich das Wasser zurückzieht – und über die Frage, was Heimat und Verbundenheit in der Diaspora bedeuten.

Hoda Tawakol © die Künstlerin

Hoda Tawakol

Hoda Tawakol ist eine bildende Künstlerin, die in Hamburg lebt und arbeitet. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit diasporischer Identität, Geschlechterrollen, Matriarchat und dem Körper als Ort der Erinnerung und Transformation auseinander. Sie wurde 1968 als Tochter ägyptischer Eltern in London geboren und wuchs in Frankfurt und Paris, Frankreich auf. 1993 absolvierte sie ihren MBA in Internationalem Management an der EAP-ESCP in Paris, Oxford und Berlin. Von 2006 bis 2011 studierte Tawakol an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK) bei Professor Andreas Slominski. Im Jahr 2010 erhielt sie ein Leistungsstipendium des Hamburger Ministeriums für Wissenschaft und Forschung. Im Jahr 2022 war sie Artist-in-Residence am Goethe-Institut in Marseille. Im Jahr 2024 erhielt sie ein Publikationsstipendium der Stiftung Kunstfonds zur Unterstützung der Veröffentlichung ihrer ersten Monografie »Some Ties Linger On« (Kerber Verlag).

Hoda Tawakols Werke wurden in zahlreichen Institutionen und Galerien in Deutschland ausgestellt, darunter in der Schirn Kunsthalle Frankfurt; im Georg-Kolbe-Museum in Berlin; im Museum Gunzenhauser in Chemnitz; im Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen; im Dortmunder Kunstverein; im Kunstverein Hamburg; im Kunsthaus Hamburg sowie in der Sfeir-Semler-Galerie in Hamburg und Beirut, Libanon. Intenational waren ihre Werke zudem im SAMOCA in Riad; im Mathaf: Arab Museum of Modern Art in Doha, Katar; in der Galerie Isabelle in Dubai, VAE; in der Villa Romana in Florenz, Italien sowie im Museum for Art in Wood in Philadelphia; USA zu sehen. Ihre Werke befinden sich in zahlreichen Sammlungen, darunter die Salama bint Hamdan Al Nahyan Foundation (SHF) in Abu Dhabi, VAE; die Sammlung der Dubai Culture & Arts Authority, VAE; die iSelf Collection in London, UK; die Naila Collection, Riad, Saudi-Arabien; die Progressive Art Collection in den USA; Open Space Contemporary, Istanbul, Türkei und London, UK; die Haus N-Sammlung, Kiel; die Sammlung des Weserburg-Museums, Bremen; sowie im öffentlichen Raum im Rahmen der Ernennung Chemnitz’ zur Kulturhauptstadt Europas 2025.

hodatawakol.com

Eröffnung: 21.11.2026, 19 Uhr, mit einem Artist Talk mit Hoda Tawakol & Julia Grosse

Bitte reservieren via: reservation@m-bassy.org
 
M.Bassy e.V., Schlüterstraße 80, 20146 Hamburg
Laufzeit: 22.11. – 20.12.2026, Öffnungszeiten: Do - So, 14 – 18 Uhr
 

Artist Workshop (Termin folgt!)

Wir danken der Henry Moore Foundation henry-moore.org, der Liebelt-Stiftung, Hamburg und der Behörde für Kultur und Medien, Hamburg für ihre großzügige Förderung und Unterstützung des Ausstellungsprojektes.